Kästners Stilblüte
Mein Vater hat gerne Gedichte gelesen
und ab und zu gab er bei Feiern und Festen
auch Verse von Rilke und Kästner zum Besten.
Wir liebten vor allem sein heiteres Wesen.
So las er: »VOM FENSTER AUS KONNTE MAN SCHIFFEN...«,
hielt inne und ließ das Gedichtbändchen sinken.
Mein Bruderherz grinste und hat mich gekniffen,
als Papa ganz trocken hinzufügte: »...WINKEN.«
In Versalien ein Zitat aus Erich Kästners Gedicht
›Sachliche Romanze‹
Von Bussarden und Posaunisten
Fahren Sarden mit dem Bus,
wird von Bussarden gesprochen.
Jene sind zum Sommerschluss
Richtung Festland aufgebrochen.
Treffen sie am Po Saunisten,
glühen sämtliche Antennen.
Nun erzählen die Touristen,
dass sie Posaunisten kennen.
Reis auf Reisen
Ein Reiskorn ging auf Reisen
mit anderen im Sack,
wie es in seinen Kreisen
halt üblich ist, und – zack! -
schon flog das Korn von Thailand
nach Lissabon, Paris,
Sevilla oder Mailand
ins Einkaufsparadies.
Und käme es aus Aden,
es läg am selben Tag
im ersten, besten Laden
in Frankfurt oder Prag.
Nun harrte es für Stunden,
wahrscheinlich aber mehr,
der Kundinnen und Kunden,
doch bald kam irgendwer.
Der kaufte auch noch Brause
nebst Bockwurst, extra lang,
und lagerte zu Hause
den Reis im Vorratsschrank.
Dort war es kühl und finster
und alles stand herum,
der Schwarztee aus Westminster
wie Soda medium.
Danach vergingen Wochen,
bevor der Mann beschloss,
ein Reisgericht zu kochen,
das er zum Wein genoss.
So ist das Schicksal eben.
Ein Reiskorn, das verreist,
das hat kein gutes Leben
und wird profan verspeist.
Dann geht es durch den Magen
samt Darm und Pipapo
und ohne große Klagen
geradewegs ins Klo.
Wir teilen alles
Ein wahrlich hochbetagtes Ehepaar
besucht gemeinsam eine Imbissbar.
Es teilt sich einen Teller mit Pommes Frites
und das bekommt ein andrer Kunde mit,
der Mitleid hat und glänzende Manieren.
Schon möchte er der Frau ein Mahl spendieren,
denn jene wartet ewig auf den Gatten.
So fragt der Fremde: »Gnädigste, gestatten
Sie mir, dass ich für Sie was mitbestelle?«
Er denkt, das sei für ihn 'ne Bagatelle,
für sie jedoch die Chance, sich satt zu essen.
Die Alte aber kontert angefressen:
»Ich werde mich nach meinem Mann gleich laben.
Wir teilen nämlich alles, was wir haben...«
und fläzt sich ganz genüsslich in die Lehne.
»Ich warte lediglich auf unsre Zähne.«
Der geneigte Leser
Sein Intresse scheint verbrieft,
hat er sich ins Buch vertieft.
Nur, so sehr er sich auch müht,
wird er müd und zwar verfrüht,
grad beim Vorwort angelangt.
Der geneigte Leser schwankt,
ächzt und kämpft ums nächste Wort.
Jenes läuft ihm einfach fort,
noch bevor er ausgedehnt
gähnt und immer wieder gähnt.
Seine Lider werden schwer
und er neigt sich mehr und mehr,
sitzt da schließlich ganz geknickt.
Leise ist er eingenickt,
doch er kippt nicht gleich vom Stuhle,
denn er kennt es aus der Schule.
Was er sonst begriffen hat,
steht auf einem andren Blatt.
Aufklärung
Vater spricht zu seinem Sohn:
»Lieber Finn, du bist ja schon
sechsdreiviertel Jahre alt.
Also, Junge, angeschnallt!
Selbst, wenn ich dich nun schockier',
sage ich die Wahrheit dir
und die lautet kurz und schlicht:
Weihnachtsmänner gibt es nicht,
Osterhasen ebenso.
Das ist alles große Show,
ausgedacht und fantasiert.
Papa hat sich kostümiert
und er spielte Rollen bloß,
aber du bliebst ahnungslos,
freutest dich und glaubtest an
Osterhas' und Weihnachtsmann.«
Meint der Sohn: »Ich hab's gewusst,
weil du dauernd husten musst,
immer aus dem Rachen stinkst
und beim Gehen auch noch hinkst
wegen dem kaputten Knie.
Nur der Storch, der warst du nie,
sondern meistens Onkel Ed.
Der liegt oft bei Mum im Bett.«
Bierzeiler
Zwei alte Knaben trinken Pils.
Der eine von den beiden will’s
bei drei auf Ex hinunterkippen,
der andre kultiviert dran nippen.
Zwei alte Säcke trinken Alt.
Dem einen ist das Bier zu kalt,
dem andren wiederum zu lau,
doch letztlich sind sie beide blau.
Zwei alte Böcke trinken Bock
und stieren unter jeden Rock.
Der eine, der noch mehr probiert,
verbockt es und wird abserviert.
Zwei alte Knacker trinken Guinness.
Der eine sagt: "Der Lebenssinn is’,
auf alles sich nen Reim zu machen.«
Der andere versteht das nicht.
Robinsons geheime Notizen
Die einsame Insel steckt voller Gefahren.
Ich fürchte Erkrankungen, Tiere und Horden
gefräßiger Wilder, die entern und morden,
auch dunkle Kapitel in den Memoiren.
Die Feuer am Lager sind mangelhaft heizende,
die stolzeste Lanze wird irgendwann rostig.
Ich lechze nach Liebe, doch mir ist so frostig.
Und nirgends ein Weibsbild. Bloß Freitag, der Reizende.
Bodenhaftung
Das Laufhaus wurde repariert,
doch Billi hat das nicht kapiert.
Er wollte dringend Freier sein
und haftete mit einem Bein ...
Den Hinweis las er halt zu ficks.
Infolge jenes Missgeschicks
entpuppte sich der SCHNELLE STRICH
im Handumdrehn als Schnellestrich.
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